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SPURRILLEN

Die Rückkehr in die Sprache

Das Grundthema meiner fotografischen Konzeption ergibt sich aus der Frage nach der Konstitution des modernen Subjekts im Spannungsfeld von Unterordnung und Ablösung. Es wirft seinen Blick auf das Moment der Wende, das ein Doppeltes darstellt. Einerseits kann es der Umschlag innerhalb des Subjektivationsprozesses vom »Nicht-Identischen« hin zum selbstbewusst handelnden Subjekt sein, das im Geschehen der Welt seinen eigenen Ort findet, andererseits vermag es auch die Rückwendung gegen sich selbst darstellen. Das in dieser ambivalenten Situation sich zeigende Grenzgebiet erweist sich als ein Feld von Beziehungen, in dessen Kräfteraum sich die Frage nach der Umschlagserfahrung entscheidet.

Grundbedingung für die Subjektbildung ist, dass jenes Grenzgebiet selbst und dessen Durchlässigkeit und Überwindbarkeit in den »Blick« kommt. In diese Aufgabe eingebunden gehe ich reflexiv der Frage nach, ob die Fotografie, neben vielen anderen Medien, ebenfalls ein geeignetes Medium darstellt, die Bewegung von Begrenzung und Entgrenzung sinnlich und geistig wahrnehmbar zu machen (Innewerden, Gewahrwerden, Merken, Spüren) und ob das fotografische Bild in diesem Prozess zu einem wirkungsvollen Erkenntnisinstrument avancieren kann. Notwendige Voraussetzung für die Beantwortung dieser Frage ist jedoch zunächst eine Neubewertung der Fotografie selbst als Grundbedingung für die Befreiung des Fotos aus seiner traditionellen Umklammerung. Hierzu nehme ich die diskursanalytische Kritik der Fotografie auf und behandle Fotografien wie Zeichen.

Im alltäglichen und vertrauten Sinn ist das Zeichen "etwas, das für etwas anderes steht". Das Zeichen ist so verstanden Repräsentation als Stellvertretung, d.h. es steht für etwas anderes, das selbst nicht anwesend ist (eine Vorstellung oder ein Referent) und das als mit sich selbst identische, vorsprachliche Entität gedacht wird. Zeichen in diesem Sinn stehen unter der Herrschaft und dem Blickwinkel von Kommunikation, die das Zeichen als Transportmedium von kontinuierlichem und homogenem Inhalt versteht. Dem Zeichenträger wird der vom Sender intendierte und im Voraus berechnete Inhalt/Sinn „aufgeschnallt“ (das Zeichen wird informiert) und anschließend auf den Weg zum Empfänger geschickt. Dieser "aufgesattelte" Inhalt ist letztendlich durch den Empfänger vom Zeichenträger abzulesen.

Auf die Fotografie übertragen geht man deshalb traditionell von folgenden Funktionen und Potenzen des Fotos aus:

              - Die Übertragung der sichtbaren, dinglichen Wirklichkeit geschieht aufgrund der physikalischen Berührung mit seinem
                Referenten. Die Wirklichkeit wird durch Lichtabdruck auf die fotografische Schicht gebannt und durch das informierte
                Foto zum Rezipienten transportiert. Dieser hat lediglich die Aufgabe, die Information aus dem Foto herauszulesen.
                Damit empfängt er die Wirklichkeit.
              - Die Übertragung von Sinn, die, nach Konventionen geregelt, eine unabhängig von ihr selbst bestehende Bedeutung
                verlustfrei transportiert.
              - Die Übertragung von »bewussten« Ideen und Sichtweisen des Fotografen, die seine Ambitionen in der Darstellung
                und Gestaltung des Fotos beeinflusst haben und die dem Empfänger in der Rezeption deutlich werden bzw. ihn
                beeinflussen sollen. Vorausgesetzt wird dabei die Möglichkeit, dass der jeweilige Kontext sowohl dem Sender als
                auch dem Empfänger unmittelbar und im gleichen Maße präsent ist.

Die so verstandene Fotografie als ein Beförderungsmittel von Wirklichkeit und Sinn setzt also grundsätzlich die Anwesenheit des Senders (Fotografen) und des Empfängers (Rezipienten) voraus, geht von einem beide Seiten überspannenden, abgeschlossenen Kontext aus und ist an die feste Beziehung »Idee/Referent - Zeichen« gebunden. Das traditionelle Zeichen ist damit verwoben mit dem Setzen und Übertragen von Wahrheit oder Bedeutung.

Diskurskritisch gesehen können Zeichen im tradierten Sinn aufgrund ihrer oben beschriebenen Voraussetzungen keine Wirklichkeit repräsentieren, denn die Benutzung (praxis) des Zeichens geht von einer vorgegebenen, absoluten Gegenwart der Bedeutung des Zeichens aus (Identität). Sie vernachlässigt damit den aufschiebenden und verschiebenden Charakter von Zeichen, der sich notgedrungen im Wiederaneignungsakt des Zeichens einstellt. Die Vorstellung von einer präsenten Identität des Erlebnisses, das im Bild ohne Verlust transformiert werden kann, übersieht den Umweg/Aufschub der zeitlichen Differenz und Andersheit im Bezeichnungsprozess.

Gegen das positive Vertrauen in die selbstevidente und vordiskursive Existenz und Wahrheit von Zeichen, gegen ihre absolute Selbstheit und Authentizität, steht die Überzeugung von der textuellen, diskursiven und narrativen Hervorbringung von Wirklichkeit durch Zeichen. Die Fotografie wird von mir nicht länger als ein transparentes Medium des Ausdrucks und der Kommunikation von Gedanken gedacht, sondern als eine autonome und unhintergehbare soziale Entität gefasst, die das denkende, sprechende und begehrende Subjekt konstituiert. Das nunmehr anders aufgefasste Zeichen ist dabei folgendermaßen charakterisiert:

              - durch seinen Bruch mit jeglichem Kontext, d.h. es ist semantisch leer;
              - es gibt kein Gesetz, kein Gebot und keine Wahrheit, die vor ihm da wäre;
              - es ist von seinem Referenten abgeschnitten, d.h. es ist in seinem Funktionieren nicht auf einen Rückverweis auf den
                Referenten angewiesen;
              - es funktioniert unabhängig von der Anwesenheit eines Empfängers und der Anwesenheit eines Senders;
              - es ist differentiell bestimmt, d.h. es erhält seine Bedeutung erst nachträglich als möglicher Effekt durch seine
                Beziehung zu anderen Zeichen, durch die Struktur des Verweises auf andere Zeichen, die es umgibt;
              - es ermöglicht die Artikulation des Lebendigen am Nicht-Lebendigen.

Der Fotografie kommt es in der Neubestimmung des Zeichens nicht mehr länger zu, von der Evidenz des Sichtbaren Zeugnis abzulegen, sondern vielmehr eigene Räume der Sichtbarkeit zu produzieren und zugleich die überkommenen und trügerischen Gewissheiten zu stören. Demzufolge ist das Foto aus seiner traditionellen Umklammerung zu befreien, damit es innerhalb von Verweisstrukturen funktionieren kann: Das Foto ist das bloße Setzen der Differenz, die reine Markierung der Differenz, es stiftet den Sinn generierenden Unterschied - es ist eine Spur. Die Spur enthält gleichzeitig Elemente der statisch räumlichen Differenz (die Unterscheidung von anderen) und zeitlicher Prozesshaftigkeit (den zeitlichen Aufschub ihrer Bedeutung), ohne beide jemals gleichberechtigt oder in vollem Umfang verwirklichen zu können. Diese unmögliche Gleichzeitigkeit markiert Derrida mit dem Kunstwort »différance«.

Die Spur tritt hervor in Abwesenheit seines Empfängers und funktioniert in Abwesenheit seines Produzenten (dazu gehört »die Nicht-Anwesenheit seines Meinens, seiner Bedeutungsintention, seines Dieses-mitteilen-Wollens beim Äußern oder Produzieren des Zeichens (marque)« (Derrida). Lediglich aufgrund seiner differentiellen Beziehung zu anderen Zeichen, d.h. als Teil eines dynamischen Verweissystems, erhält das Zeichen nachträglich einen möglichen Wert als Effekt. In diesem Sinn ist das Zeichen weniger Repräsentation als Artikulation. Sprache wird dementsprechend verstanden als ein differentielles System von Zeichen, in dem Bedeutungen in einem Spiel der Differenzen erzeugt und aufgeschoben, d.h. als immer im Kommen betrachtet werden.

Ich behandle meine Fotografien wie Zeichen und daher sind sie als Sprache zu lesen. Sie sind nicht zu dechiffrieren, denn sie verbergen keinen Sinn oder irgendeine Wahrheit. Meine Fotos geben lediglich Anlass, sie durch Interpretation, durch ihre Einpflanzung in jeweils unterschiedliche Kontexte, zu beleben. Fotografie bekommt dadurch ihren eigenständigen Charakter.

Das Foto als Spur verweist auf das aus dem Foto Ausgeschlossene, ohne es zu repräsentieren. Der durch die Spur ausgelöste Akt des Erinnerns macht Vergessenes und die Tatsache des Vergessens selbst erst bewusst. Das Foto wirkt, es evoziert, statt wesentlich es selbst zu sein. Es entfaltet einen Diskurs im Sinne der Bewegung des Hin-und-her-Laufens, eines Kommens und Gehens, des Webens und Knüpfens (R. Barthes). Darin liegt die prozesshafte Erzeugung von Sinn, der Sinn stellt sich als nachträglicher Effekt von Verknüpfungen ein. Das der Sprache Spielraum lassende Foto ist nach außen hin souverän, da es als Spur in seinem Fürsichsein losgelöst von der Wirklichkeit Selbständigkeit bewahrt, d.h. keiner äußeren Macht unterworfen ist, die es zwingt, Träger von Sinn zu sein. Es ist souverän aufgrund seines Bruches  mit jeglichem Kontext und mit sich selbst, seiner traditionellen Rolle. Insofern ist das Foto als Spur nicht auf eine berechenbare Wirkung aus und verfolgt kein gezielt hintergründiges und mitgemeintes Interesse. Erst in seiner verschiedenen Interpretation (das Wiedereinschreiben in unterschiedliche Kontexte) gewinnt das Foto als Spur verschiedene Bedeutungen. Darin wird es jeweils zum Leben erweckt, kommt Sprache denkbar zum Ausdruck, schafft die Differenzierung des Be-greifens durch Sprachverschiebung und damit schließlich Sinn und Bedeutung im Denken. Aus dieser Sichtweise ergibt sich eine Neubewertung der Fotografie als reine Foto-Grammatik im Sinne von Jacques Derrida.

Der Begriff »Rillen« untermauert und konkretisiert im doppelten Sinn die Funktionsweise von Spur, gestützt durch die Freudsche Theorie. »Die Begriffe von Spur, Bahnung und Bahnungskräfte [sind] von dem Begriff der Differenz nicht zu trennen«. »Ohne Differenz gibt es keine Bahnung und ohne Spur keine Differenz« (Freud). Die Rille erzeugt im Augenblick ihres Entstehens selber schon eine Differenz, sie teilt die glatte Fahrbahn. Rille ist in diesem Sinn das Synonym für »Bedingung der Möglichkeit vom Weg abkommen«, Differenzen hervorrufen, eingefahrene Sichtweisen stören, das "vom-Bild-weg", Umwege einschlagen, das Aufschieben, Sprung in etwas anderes. Die Rille taucht unverhofft auf und ist nach der Bahnung auch schon wieder verschwunden, man hat sie hinter sich gelassen, sie ist endlich.

Die Gedanken werden durch die Spur aus ihrer tradierten Richtung herausgerissen und, wie durch eine Verwerfung auf glattem Wege, vorübergehend neu ausgerichtet, durch eine sich ereignende Differenzkonstellation auf eine »jungfräuliche« Bahn gesetzt. Das Hineingeraten in eine Rille ist immer mit Risiko und Abenteuer verbunden. Es ist nicht einzuschätzen, wo man schließlich im Verlauf des Spiels der Differenzen landet. Das Erreichen eines Ziels wird fortwährend aufgeschoben. Die Vorstellung eines linearen Gedankengangs auf ein vermeintliches festes Ziel hin ist somit unmöglich. Die Gedanken bekommen den Charakter der Kontingenz, sie bilden ein Gedankennetzwerk, das in/durch seine(r) sich latent ausbildenden Struktur seine Wirkung zeitigt. Die Spur verräumlicht und verzeitlicht die Gedanken, bringt damit Spannung und Bewegung in das Denken, verhindert ein stabilisierendes Identitätsbewusstsein durch den Selbstgenerierungsprozess des Widerstreits.


Das Medium der Fotografie im Kontext des Grundthemas

Die Kraft der Fotos ist, dass sie Auslöser für die Erzeugung von Sinn jenseits der einschränkenden Begrifflichkeit der gesprochenen Sprache sein kann. Dabei geht es um eine Sinnbestimmung, die als Wirkung, als Effekt von Verknüpfungen das Subjekt konstituiert und die diesem nicht äußerlich und fremd erscheint. Es ist gerade jener selbst generierte Mehrwert, der aus der Auseinandersetzung mit dem Foto gewonnen werden kann. Für den Subjektivierungsprozess ist Sinn gleichbedeutend mit »Kraft und Orientierung gewinnen«, Möglichkeit der Subjektwerdung. Über diesen Gewinn hinaus entfaltet sich ein Spiel der Sinndifferenz, das Spiel zwischen der äußeren und der eigenen Sinngebung. In dieser Konfrontation können Grenzen besser wahrnehmbar und mögliche Grenzverschiebungen, die für eine Wende maßgeblich sind, durch die irreduzible Offenheit für Neues und Unerwartetes denkbar gemacht werden. Das Medium der Fotografie hat aus dieser Perspektive heraus gesehen einen berechtigten Platz im Erkenntnisprozess, denn Verstehen bedeutet die Fähigkeit, Verschiedenes zu denken. Dies macht erst den Blick frei für die Einsicht, »dass das, was ist, nicht so sein muss, wie es ist« (Foucault).

                                                                                                                                                                © " Klaus Benhof " 2006
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